2012-10-14

Die Ruandische Hochzeit.

2012-10-13

Gestern war ein Hochzeitstag. Das klingt nicht unglaublich bewegend, denn wer, ausgenommen die Kleinsten, unbewusst Teilnehmenden, oder generelle Neinsager, hat noch nie eine Hochzeit erlebt?

Meiner Erinnerung nach ist es die vierte Hochzeit, an der ich als erwachsener Gast teilnahm und, das ist das eigentlich Überraschende, diese Hochzeit war nicht anders, als die anderen. Die Prinzipien sind nun einmal gleich, vermutlich weltweit, zwei Menschen geben sich das lebensewigliche Ja-Wort und vertrauen darauf, dass irgendwie "alles gut" wird und laden zu dieser optimistischen Stimmung ein paar Gäste und Zeugen ein. 

Dass die Umstände variieren, die Tänze andere sind, die Musik einen spezifisch-kulturellen Anstrich erhält, die Organisation in jeweils anderen Händen zu einem jeweils anderen Stil führt - alles vorstell-, alles denkbar.

Noch am Freitag wusste ich nicht einmal, wann und wo diese Hochzeit sein wird, wie Braut und Bräutigam heißen (ich kenne den Namen der Braut/Frau bis heute nicht), wie ich nach Midrand komme (circa 27km nördlich von Johannesburg) oder wie ich mir den "Service" vorzustellen habe, zu dem ich eingeteilt wurde.

Samstag, im Verlauf des Morgens jedoch, gab es Aufklärung. Mit dem Fahrrad zum "Mercy House" (Link zum Hausprojekt), Warten auf den Freund mit dem Auto, [endlich, denn das wünschte ich schon lange] im überdachten bakkie-Teil (Wiki-Link) eines Jeeps unangeschnallt mitfahren und den Wind und die Blicke der anderen Fahrer auf der Schnellstraße spüren und schließlich in Midrand landen.

Wie bei allen Begegnungen, die in erster Linie fremd für mich sind, gehörte zwar der freundliche Händedruck und das Erkundigen über die jeweilige Befindlichkeit zur Begrüßung unter den verschiedenen Gästen, aber der Bräutigam übersah mich geflissentlich und war in seine Anspannung derart vertieft, dass er mich stundenlang ernsthaft ignorierte. Beim Einmarsch in den im nüchternen Weißton gehaltenen Festsaal aber wies er ein Nicken auch in meine Richtung. Später dann, in dem Moment, als ich den warmen Sekt, in vorderster Reihe allen Publikums (dies war eine meiner Dienstleistungen für den Abend) knallen ließ und in die extrapolierte Flöte goß, legte sich auch ein kurzes Lächeln in seine Mimik.

Meine ersten erkundenen Blicke über das Hochzeitsgelände aber wurden durch andere Eindrücke gespeist. Alles war hier im Entstehen begriffen, selbst Bauarbeiter in Gerüsten bastelten noch an einer Hauserweiterung, ohne wirklich zur Hochzeitsgesellschaft dazuzugehören, noch für diesen Tag fertig werden zu können. Es schien fast so, als verliefen zwei Linien parallel zueinander: sich niemals kreuzend, autonom und ewiglich. Dabei war sehr eindeutig, dass das bearbeitete Haus gleichzeitig das des Festes sein würde.

Ein großes Haus war es, mit einem erdgeschossigen Saal, der ungebunden von der oberen Etage existierte, durch Gläserfronten mit Licht gespeist. Wer auch immer später dieses Haus nutzen wollte, er hätte ein Problem mit der nicht vorhandenen Verbindung der Ebenen. Der Rest des größeren Hauses war teilweise vermietet, verkauft, oder noch im Bauzustand. Es schien, als würde nur stückweise, wohnungsweise fertig gestellt, als ob erst der Transfer des Geldes für die jeweilige Erweiterung sorgte.

In dem Teil, der bereits bewohnt wurde, erkennbar am Dauerlauf des Fernsehers und den davor Sitzenden, gab es einen Raum, der aus Fertigküche und Wohnzimmer bestand, ein Bad und zwei Schlafräume. Das Bad enthielt zwar die wesentlichen Utensilien, die einen Raum zum Bad machen, aber, wie ein beträchtlicher Teil des ganzen Gebäudes, kein Licht. Dass dies spätestens in den Dunkelstunden ab der schnellen Dämmerung des südafrikanischen Tagesverlaufs zu einigen Toilettenproblemen führen könnte, daran wurde im Voraus wenig gedacht. Es gab auch Außentoiletten, die den Gästen gewiesen wurden, aber auch diese blieben unbeleuchtet und, das schlimmere Übel, papierlos.


Das grob zusammenhängende Grundstück war ein Verbund von Grundstücken, abgetrennt von der Außenwelt durch eine Mauer, Sicherheitspersonal und fernbedientem Eingangstor.
Alles zusammen genommen erschien es mir wie eine Ferienanlage, die zu spät erdacht wurde, um noch maximalen Profit heraus zu schlagen. Eine Minigolfrunde, die diesem Begriff in keiner Weise je gerecht hätte werden können, so uneben die einzelnen Kleingolfbahnen, ihre Löcher geflutet mit abgestandenem Wasser; ein Riesenschachfeld, auf dem auf schwarzer Seite Pferd und Turm, auf weißer Seite Königin und Läufer fehlten und das seit Jahren niemand mehr angerührt hatte, indiziert durch die Schnecken, die auf den restlichen Figuren krochen und die herab gefallenen Blätter, die die Farben der Felder überdeckten; ein halbwegs funktionales Tennis- und Ballfeld, zwei faulige Teichanlagen und ein trüber, abgestandener Swimmingpool säumten die Ränder, hinzu kamen Fitnessgeräte, die im Außen standen, aber nicht dafür gemacht waren, draußen zu stehen, zwei Esel und zwei Schafe.

David Adjaye fiel mir ein, der in mono.kultur sagte: "Wenn ich irgendwo hinkomme, sehe ich mich um und frage mich: Okay, und was bedeutet das alles hier?".

Eine Antwort darauf lautete: Improvisation. Alles deutete auf die improvisierte Nutzung hin, die nötig wurde, als das fehlende Geld zu deutlich auf die Bremse der Bauphase drückte. Oder aber eine ehemals geputzte Hotelanlage, die dem Verfall irgendwann einmal preisgegeben wurde, wurde von Einzelnen wieder bewohnt, dann mit einem andersartigen Geschäftsmodell versehen und nach und nach, je nach Kontostand, wiederbelebt.
Dass nun eine Hochzeitsgesellschaft den Saal mietet und das Gelände dazu, ist eventuell zu verstehen als Einkommensquelle, als Aufstockung des finanziellen Haushalts, sodass bald wieder Königin, Pferd, Turm und Läufer ihre Züge vollführen oder die wrackartigen Autos wieder fahren oder schwimmende Nixen und lässige Poolboys den ein oder anderen Martini hinunter stürzen, Lachen und Planschen und in Bond-und Hollywood-Manier "la belle vie", das schöne Leben genießen können.

Während meiner schweifenden und probierenden Blicke wurden wohl allerhand weitere Vorbereitungen getroffen, nur sah ich davon wenig und die Zeremonie selbst war noch längst nicht angelaufen.
So wurde ich zwischenzeitlich, noch währen während eine unvollständig gestartete Schachpartie lief, eingeladen, die Midrand-Shopping-Mall zu besuchen, um dort vor-zu-essen.
Midrand und die zentrale und damit prominente Mall sind Orte, die ich nicht wieder sehen muss. Kleinstädtisches und die sich wiederholenden Geschäfte, für die Jugendlichen auf den Straßen und in den pickups die Suche nach einem Ort, irgendeinem, für die Erwachsenen das Finden der Versorgungsmaterialien in Form von Wochenend- oder Monatseinkäufen in eben dieser Mall.

Zurück beim festlichen Geschehen begann bald der offizielle Teil, Braut und Bräutigam in Aufmachung, die Braut mit der Schleppe der Unendlichkeit, dem blumenbemusterten, trägerlosen Kleid und einem Schleier, sie größer als er, nicht nur wegen ihrer weißen, offenen Stöckelschuhe, der Bräutigam mit klassischer Austatttung, dem dunkelgrauen, silbermattgestreiften Einreiher, gelber, gestreift-glänzender Krawatte, blütenweißem, sonst schlichtem Hemd und ein paar schwarzmatten Oxfords. Der einzige, mir auffallende Kleidungs-faux-pas waren die weißen Strümpfe des Herrn. Aber vielleicht galt es auch als besonders schick, diese so reinen und unschuldigen Vertreter der Fußbekleidung zu tragen.

Als der ugandische Priester begann, seine Predigt zu halten, wurde quasi-simultan in Kinyarwanda übersetzt. Er schallte laut in das Mikrofon, sodass die von den Boxen wiedergegebene Lautstärke bei Weitem das sonst Übliche Maß an Verständlichkeit überstieg und, paradox die Verständigung eher behinderte als erleichterte. Inhaltlich sprach er von der Verantwortung des Mannes, seine künftige Frau zu beschützen, sie nicht allein zu lassen undsofort. Es war ein Singsang der Floskeln, die wohl jeder gute Priester wiedergeben muss, um vor einer Hochzeitsgesellschaft zu bestehen. Dabei war alles und jeder todernst, die im Bild festgehaltene Einschwörung eine Sonderlichkeit kurz nach der dreimaligen Wiederholung der Frage, ob jemand Einspruch erhebt ob der Verbindung dieser zwei Liebenden.

Danach gab es, laut einem Gast und an mich adressiert, einen sehr typischen Einblick in das "wahre Afrika": ein Tanz wurde angekündigt und allein vokal und mit einer Trommel begleitet. Drei Männer in gelben, schwarzgepunkteten, mit Federn versehenen Röcken und ebenfalls befedertem Kopfschmuck tanzten in den Saal, der Chor der Frauen ging voran. Danach tauchten drei junge Frauen auf, allerdings mit grüner Färbung der Röcke und schlangenförmigen Bewegungen in Arm und Bein. Die stete Wiederholung des musikalischen Hintergrunds verlieh dem ganzen die nötige Trance, um allein auf die Rhythmik der Tanzenden achten zu können. Schellende Glocken an den Füßen, stampfende Gestik, synchrone Komposition. Ein wundervoller Tanz, in dem sich bald die beiden repräsentierten Geschlechter gleichzeitig zeigten und, obwohl teilweise vermischt, nie dazu tendierten, ihre eigenen Repräsentation aufzugeben.

Da ich dem Servicebereich zugeteilt war, wurde mir der Einblick in den weitaus praktischeren Teil der Veranstaltung sehr schnell klar: die Betonung in der Versorgung der Gäste lag eindeutig bei Schnaps und Whiskey, denn davon gab es viele Flaschen, dann Bier in vier Sorten (allerdings kein Lager), das definitiv zu wenig werden sollte, dann Sprudelzucker, der noch nicht einmal für die erste Runde, geschweige denn als Whiskeybeimischung genug war.

Aber das alles machte nichts, denn das Publikum war geduldig genug und bis auf die informellen Praktiken der weisen, älteren Männer, die auf ein Bier schon vor offiziellem Beginn der Speisung an die Küche kamen und ihre Vorräte begutachteten und testeten, verlief der Ausschank problemlos. Das Essen war nicht übermäßig speziell, dafür aber so reichlich, dass jeder satt wurde. Haufenweise Reis, dann Kartoffeln, Möhren und Erbsen, eine Kiste voller Hühnergebratenem à la Kentucky Fried Chicken und der süße Abschluss, die Sahne-Zucker-Hochzeitstorte. An ihr lässt sich ein wesentliches Merkmal südafrikanischer Teilsamkeit illustrieren: nicht Dreiecksstücke oder dicke Schnitte wurden gereicht, sondern kleingeschnittene Würfel. Das gleiche Prinzip der Zerkleinerung gilt nämlich auch für Käse und Mortadella, die nicht scheibenweise, sondern raspelweise verwertet werden.

Nach wenigen Stunden im Dienst war ich geschafft und bat um Rückkehr in das Johannesburger Domizil. Die Sonne hatte mir zuvor einen Stich gegeben und ich war müde und wollte schlafen. Eine schnelle Verabredung ergab sich daraufhin, ich stieg in Eile in ein Auto und hatte keine Gelegenheit mehr, dem getrauten Paar meine Ehrerbietungen zu machen, dafür aber gerade noch genug Zeit, um die Segenswünsche eines Priester zu empfangen und mit ihm eine E-Mailadresse zu tauschen.

Die Fahrt nach Johannesburg über das nächtliche Sandton und die Sicht auf den Strom alles Elektrifizierten ästhetisierten mich. Und ein erlebnisreicher Tag endete.
Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

1 comment:

  1. Klingt total spannend, und der Schreibstil gefällt mir auch sehr gut. Würde mich auch über Besucher auf meinem Blog freuen Hier gehts zu meinem Blog

    ReplyDelete